Festivals für alle? Wie Barrierefreiheit auf Musikfestivals zum Erfolg wird

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Das Programmheft einer Veranstaltung lesen, online ein Ticket buchen oder sich alleine auf einem Event zurechtfinden – all das sind Beispiele, die für die meisten Menschen keine Schwierigkeit darstellen. Für Personen mit Behinderungen kann dies mit Barrieren verbunden sein, welche die Teilhabe an Events und somit am gesellschaftlichen Leben erschweren.

Die Themen Inklusion und Barrierefreiheit haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen. Die Relevanz, beeinträchtigten Menschen eine uneingeschränkte und selbstständige Teilhabe zu ermöglichen und ihre Menschenrechte durchzusetzen, zeigt sich in diversen Gesetzen. Doch trotz der rechtlichen Verankerung von Gleichberechtigung stoßen diese Personen weiterhin regelmäßig auf Barrieren. Mit dem Besuch eines Festivals finden blinde Menschen eine nicht vertraute Umgebung, eine laute Geräuschkulisse und große Menschenmassen vor, was die Orientierung erschweren kann. Hinzu kommen Hürden im Bereich der visuellen Kommunikation und damit der Vermittlung von Informationen.

Wie steht es um die Barrierefreiheit auf Festivals?

Vor einigen Jahren spielte Barrierefreiheit eine untergeordnete Rolle bei der Organisation von Festivals. Es wurde kaum über Inklusion gesprochen und barrierefreie Angebote waren nur vereinzelt zu finden. Es zeigt sich jedoch eine steigende Aufmerksamkeit für das Thema in der Branche. Zurückzuführen ist diese unter anderem auf vermehrte Forderungen durch beeinträchtigte Besuchende. Diese Entwicklung wird durch die heutigen Möglichkeiten von Social Media begünstigt, die es Nutzenden ermöglichen, eine breite Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu erreichen und Forderungen zu stellen. Unter Festivalveranstaltenden ist zudem eine Bewusstseinsänderung zu bemerken, die mit der steigenden Relevanz von Nachhaltigkeit, Diversität und Awareness einhergeht. Einen positiven Einfluss darauf nimmt die Kommunikation durch Verbände und Branchentreffen, die dazu beitragen, dass eine Sensibilisierung stattfindet.

Menschen mit Seheinschränkungen werden im Festivalumfeld immer präsenter. Copyright: AdobeStock

In der Branche ist eine hohe Offenheit gegenüber der Thematik vorzufinden. Veranstaltende sind sich der Bedeutung von Barrierefreiheit grundsätzlich bewusst. Der Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Thematik und der vermittelten Relevanz durch Veranstaltende steht jedoch eine begrenzte Implementierung barrierefreier Maßnahmen gegenüber. Insbesondere Angebote für sehbehinderte Gäste sind im Festivalkontext unterrepräsentiert. Menschen mit Seheinschränkungen werden im Vergleich zu Rollstuhlfahrenden erst seit kurzer Zeit im Festivalumfeld präsenter. Obwohl Personen mit nicht sichtbaren im Vergleich zu Menschen mit sichtbaren Einschränkungen in der Überzahl sind, scheinen ihre Bedürfnisse bei Veranstaltenden noch nicht vollständig angekommen zu sein. Dies kann darin begründet liegen, dass ihre Bedürfnisse und Barrieren nicht direkt ersichtlich sind. Damit einhergehende Unsicherheiten bezüglich geeigneter Maßnahmen können sich auf deren Umsetzung auswirken.

Welche Herausforderungen sehen Veranstaltende bei der Umsetzung?

Insbesondere für kleine Festivals kann die Finanzierung eine Herausforderung in der Umsetzung von Barrierefreiheit darstellen. Es sei jedoch zu bedenken, dass auch Maßnahmen ohne große Investitionen zur Zugänglichkeit beitragen können. Die sich entwickelnde Gesetzeslage zur Barrierefreiheit, die sich zukünftig verstärkt auf privatwirtschaftliche Unternehmen auswirken wird, geht mit einem steigenden Bedarf an finanziellen Mitteln einher. Die resultierenden Kosten gilt es durch die Politik zu kompensieren, um das Fortbestehen kleinerer und finanzschwächerer Festivals zu gewährleisten. Hierzu zählt ebenfalls die Zugänglichkeit und faire Verteilung von Fördergeldern, die nicht nur zugunsten der Hochkultur vergeben werden.

Neben den hohen Kosten für barrierefreies Equipment, wie zum Beispiel Sanitäranlagen, stellt die geringe Verfügbarkeit und der schlechte Zustand des zur Vermietung angebotenen Materials eine Herausforderung dar. Auch die örtlichen Gegebenheiten naturbelassener Festivallocations erschweren die Umsetzung. Ein weiterer Faktor, der auf die Inklusionsbemühungen einwirkt, bildet die Notwendigkeit personeller Ressourcen. Neben des steigenden Planungsaufwandes ergeben sich jedoch auch Vorteile durch die Verbesserung der Zugänglichkeit. Es eröffnet sich eine größere Zielgruppe und damit die Möglichkeit einer Steigerung der Ticketverkäufe.

Wie lässt sich die Barrierefreiheit verbessern?

Die interne Bewusstseinsbildung ist die Grundlage für die Implementierung barrierefreier Maßnahmen. Da dies verschiedene Bereiche betrifft, sollte das Thema abteilungsübergreifend einbezogen und diskutiert werden. Die Einbindung von Betroffenen oder Organisationen, die sich für Inklusion einsetzen, liefert positive Effekte hinsichtlich der Identifikation von Bedarfen und der Behandlung der Thematik. Vor dem Hintergrund der Kosten erweisen sich digitale Lösungen als besonders geeignet, um zur Informationszugänglichkeit von Festivals beizutragen. Durch die Verwendung von Alternativtexten auf der Website und auf Social-Media-Kanälen werden visuell abgebildete Informationen auch für blinde User zugänglich, indem diese durch Screenreader erfasst werden können. Ferner können Informationsmaterialien wie Programmhefte oder Getränkekarten für sehbehinderte Gäste digital zugänglich gemacht werden. Detaillierte Richtlinien zur barrierefreien Gestaltung von Webinhalten lassen sich den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) entnehmen.

Begleitpersonen sind von großer Bedeutung für blinde Menschen. Bildquelle: AdobeStock

Angesichts der Unebenheiten naturbelassener Festivalgelände und sicherheitsrelevanter Aspekte ist die kostenlose Mitnahme einer Begleitperson von großer Bedeutung für blinde Menschen. Diese Personen sind für die Orientierung wichtig und nehmen im Falle einer Evakuierung eine bedeutende Rolle ein. Da Mitarbeitende am Einlass, in der Gastronomie oder im Security-Bereich oftmals erster Ansprechpunkt für Fragen und Anliegen sind, sollten sie über bestehende Maßnahmen aufgeklärt und im Umgang mit behinderten Menschen sensibilisiert sein. Abschließend sind die Maßnahmen mit der Zielgruppe auf ihre Eignung zu überprüfen. Durch Geländebegehungen, direkten Austausch und Feedbackmöglichkeiten können Veranstaltende Verbesserungen und neue Ideen für die nächste Veranstaltung mitnehmen.

Jana Diefenbach ist Absolventin des Bachelor-Studiengangs „Kommunikation & Eventmanagement“ an der IST-Hochschule. Anschließend belegte sie den Master Kommunikationsmanagement. In ihrer Abschlussarbeit, die sie bei Festivalprof Prof. Dr. Matthias Johannes Bauer und Tom Naber geschrieben hat, widmete sie sich dem Thema „Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderung auf Festivals“. Seit fünf Jahren ist sie außerdem in der Kultur- und Veranstaltungsbranche tätig und engagiert sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit ehrenamtlich für ein Festival.

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