Lieber Barshim/Tamberi als Hamilton/Verstappen

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Heiliger Bimbam: Zum Ausklang des Sportjahres 2021 wird Louis Hamilton (36) gleich zwei Mal geschlagen. Erst auf der Piste um die WM-Krone von Max Verstappen und dann wenige Tage später von Prinz Charles zum Ritter. Zugegeben: Die royale Würdigung sollte schon erfolgen als Hamilton im letzten Jahr seinen siebten WM-Sieg einfuhr. Aber irgendwie brennen sich beide Bilder in meinen Rückspiegel. Ein Athlet durch und durch. Ein Meister seines Fachs. Lammfromm kniet er mit einem Bein auf dem plüschgepolsterten Höckerchen und könnte keiner Fliege etwas zu Leide tun. Aber ich befürchte, mit der gegenseitig aggressiven Rivalität zum fliegenden Holländer landen Hamilton und die Formel 1 im Kiesbett. Für den Sieg nehmen sie meines Erachtens Gefahren für die Gesundheit des Anderen billigend in Kauf. Dann aber ist die „red line“ des Sports überschritten. Keine schwarz-weiß karierten Fahnen für eine solche Haltung!

Haben die beiden Jungs die Olympischen Spiele nicht gesehen? Hier gab es jede Menge Lehrmaterial für sportliches Verhalten. Allen voran die beiden Weltklasse-Hochspringer Gianmarco Tamberi (29) und der Katari Mutaz Essa Barshim (30). „Let’s make history“, sagten sich die beiden und einigten sich darauf, nicht mehr in ein Stechen auf Biegen und Brechen zu gehen, sondern sich beide über Gold zu freuen. Ihre Freundschaft war größer als die Gier nach sportlicher Dominanz. Das neue, vierte Adjektiv zur Identitätsbestimmung der Olympischen Spiele (nach höher, schneller, weiter) wurde mit Leben erfüllt: together (gemeinsam).

Der Sport gehört denen, die ihn ausüben

Tokio war für mich trotz der multiplen Belastungen (Corona, Fukushima, Klima, Monarchie) eine gelungene Demonstration der globalen Sportlerfamilie. Die Athletinnen und Athleten haben sich und ihre Sportarten gefeiert und damit die Machtverhältnisse im Sport klar benannt: Der Sport gehört denen, die ihn ausüben. Dieses Credo verleiht Flügel. Athletinnen und Athleten äußern sich zunehmend zu gesellschaftspolitischen Themen und sind damit nicht nur die reine Ursache für Vermarktung.

In diesem Kontext erklärt das Time-Magazin die viermalige Olympiasiegerin Simone Biles zur „Sportlerin des Jahres 2021“. In ihrer Begründung betont die Redaktion, dass Biles zunächst sich selbst gegenüber verantwortlich ist und keinen Forderungen von außen. Zudem hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass sexuelle Gewalt an US-amerikanischen Turnerinnen nicht mehr verschwiegen wird. Sie und andere Opfer des verurteilten Sexualstraftäters Larry Nassar sollen mit rund 380 Millionen Dollar entschädigt werden. Der langjährige Arzt des US-Turnverbandes wurde 2017 zu 60 Jahren Haft verurteilt.

Ich denke an die belarussische Sprinterin Kristina Timanowskaja, die über Twitter internationale Hilfe erbittet, weil der Staatsapparat um Lukaschenko sie nach Hause beordert, weil sie Funktionäre kritisiert hat. In einer Nacht- und Nebelaktion erhalten sie und ihr Mann ein humanitäres Visum in Polen.

Ich denke an Football-Profi Carl Nassib von den Las Vegas Raiders, der sich als erster aktiver Spieler der US-Footballliga NFL öffentlich als homosexuell geoutet hat.

Ich denke an Felix Neureuther, der offen kritisiert, dass der Skiabfahrt-Zirkus schon im Oktober seinen Saisonauftakt durchzieht und die Natur vernachlässigt wird.

Verbände überspannen den Bogen

In den letzten zwölf Monaten haben machtvolle Verbände in ihrer „Corporate Social Responsibility“ unisono versagt: IOC (abgelehnter Gedenktag Hiroshima, Fall Peng Shuai, China-Schmusekurs), UEFA (Fall Christian Eriksen, Regenbogen-Debatte, Corona-Verhalten), FIFA (WM in Katar kostet über 150 Mrd. Dollar), DFB und DOSB (Präsidenten-Suche). Es würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen, ins Detail zu gehen. Es dürfte aber jetzt jedem klar werden, dass insbesondere männliche Funktionäre nicht am Sport interessiert sind, sondern an Macht. Dem sollten sich weibliche Funktionäre mit aller Macht dagegenstellen. „It´s a men´s world“ ist ein Auslaufmodell. Allerdings hat ein Verband die Zeichen der Zeit und Fehler der Vergangenheit erkannt: Der Weltverband des Modernen Fünfkampf wird die Springreit-Prüfung, nach dem Vorkommnissen in Tokio, durch eine andere ersetzen, weil das Tierwohl nicht länger missachtet werden darf. Chapeau!

Die Stimme von Fans und Mitgliedern

Neben dem erstarkten Selbstbewusstsein der AthletInnen ist die kraftvolle Stimme der Fans/Mitglieder zu konstatieren. Noch wissen sie nicht genau, wie sie sich gegen Club-Bosse durchsetzen können, sonst wäre die Jahreshauptversammlung des FC Bayern München für sie anders verlaufen. Aber sie sind lernfähig. Einmal noch konnte man sie mit Einstweiligen Verfügungen von Landgerichten abschmettern, aber die Lernkurve der Fans ist noch stärker als die Stehplatzkurve in der Allianz-Arena.
Wohlgemerkt: In 2021 sind eine Millionen Menschen aus einem im DOSB-organisierten Verein ausgetreten. Das haben die nicht nur gemacht, weil Corona ihnen keine Freizeitangebote ermöglicht hat. Wahrscheinlicher ist, dass man sich nicht ausreichend um sie gekümmert hat. Eine Rückrufaktion ist hier nötig, wird dauern und kostet sehr viel Geld.

Ausblick 2022

Corona bestimmt weiterhin unser Leben bis weit ins nächste Jahr hinein. Der neue DOSB-Präsident hat eine Art Probezeit, bis im Dezember 2022 regulär neu gewählt wird. Auf deutschem Boden werden uns der CHIO, die Finals, vor allem die European Championships in München (50 Jahre nach Olympia ´72) begeistern. Die Olympischen Winterspiele in Peking gehen natürlich als die schönsten und besten Spieler aller Zeiten in die Geschichtsbücher ein. Ups, habe ich jetzt den Pressetext des IOC schon vorab veröffentlicht? – Sorry.

Prof. Dr. Gerhard Nowak absolvierte als Stipendiat der Konrad-Adenauer Stiftung das Diplom-Studium ,,Sportwissenschaften'' an der Deutschen Sporthochschule Köln von 1984 bis 1988 mit Schwerpunkt Sportpublizistik. In diesem Fach promovierte er an derselben Universität. Seine Doktorarbeit (2008) beschäftigte sich mit der Schnittstelle zwischen Sportpublizistik und Sportökonomie, in dem er der Frage nachging, wie über ,,ökonomische Themen des Sports'' in deutschen Tageszeitungen berichtet wird. Seit 2001 ist Prof. Dr. Nowak Mitglied im nationalen Arbeitskreis ,,Sportökonomie''. Bei der Durchführung des 5., 6. und 7. ,,Deutschen Sportökonomie-Kongress'' (2006-2010) gehörte Dr. Nowak zum Leitungsteam mit dem Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit. Seit 1989 ist Prof. Dr. Nowak Lehrbeauftragter der Deutschen Sporthochschule Köln und diverser anderer Hochschulen und Bildungseinrichtungen (z.B. Duale Hochschule Baden-Württemberg, Hochschule Fresenius, Präha-Akademie, Führungsakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes, Sportschule Hennef beim Fußball-Lehrer-Lehrgang). Im Mai 1988 gründete er die PR- und Eventagentur ,,Sportline GmbH'', die er nach wie vor als Geschäftsführer leitet. Zu seinen Agentur-Tätigkeiten zählen u.a. Messen wie die Pressearbeit zur ,,PSI'', ,,ALUMINIUM'', ,,FIBO'' und ,,EQUITANA'', Sportgroßveranstaltungen wie ,,Hennessy Golf Cup'', ,,HRS Business Run Cologne'' und ,,Destination Düsseldorf-Cup'' und Wirtschaftskongresse wie ,,Wirtschaftsforum Düsseldorf - die Jahrestagung der Wirtschaft im Rheinland'', ,,Wirtschaftsforum Wuppertal - die Jahrestagung der Wirtschaft im Bergischen Land''. Am IST-Studieninstitut ist Prof. Dr. Nowak seit 2007 Dozent mit den Schwerpunktkursen ,,Sport und Medien'', ,,Eventmanagement'' und ,,Soft Skills''; seit 1. Juni 2013 verantwortet er die Professur Sportbusiness I an der IST-Hochschule für Management.

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