Konditionstraining für Pferde

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Sabine Angemeer Pferd
Sabine Angemeer auf ihrem Pferd.

Faible ist eine vier Jahre alte Westfalenstute. Sie kennt das Einmaleins eines Reitpferdes und kann im Schritt bis zu 60 Minuten ohne vorzeitige Ermüdung geritten werden. Nachdem sie den Sommer mit ihrer Herde auf der Wiese verbracht hat, möchte ich nun mit ihrem Konditionsaufbau beginnen. Anfang Mai 2020 habe ich den ersten Reiturlaub mit ihr gebucht. Bis dahin möchte ich ihre Leistung soweit verbessert haben, dass sie an drei Tagen je zweieinhalb bis drei Stunden im Gelände geritten werden kann.

Als Sportwissenschaftlerin mache ich mir Gedanken, wie ich die Belastung im Training steuern kann. Anders als im Humansport ist es im Konditionstraining von Pferden bisher nicht weit verbreitet, mit Herzfrequenzkontrolle die Belastung zu dosieren. Üblicherweise wird das Training nach dem Gefühl des Pferdetrainers gesteuert. Das möchte ich bei Faible anders machen. Neben meiner subjektiven Einschätzung und der Kontrolle der Atmung möchte ich das Training meines Pferdes mittels Herzfrequenzkontrolle steuern.

Dies sind die empfohlenen Herzfrequenzen
beim Pferd (Schläge pro Minute)

In Ruhe: 28-40
Im Schritt: 50-90
Im Arbeitstrab: 80-125
Im schnellen Trab: 100-160
Im Arbeitsgalopp: 120-170
Im Galopp: 160-200
Im Renngalopp: 205-240 plus
(vgl. HEIPERTZ-HENGST 2002, S. 40)

Trainingsziel

Die dann fünf Jahre alte Faible soll am ersten Maiwochenende 2020 drei Tage hintereinander je zweieinhalb bis drei Stunden im Gelände geritten werden. Ihre Herzfrequenz bleibt dabei im aeroben Stoffwechselbereich und ihre Muskeln ermüden nicht vorzeitig. Zudem soll sie das Wochenende motiviert und gesund absolvieren.

Training mit der Dauermethode

Ich wähle primär die extensive Dauermethode im Konditionstraining an. Hierzu trainiere ich viermal pro Woche im Bereich der Grundlagen- und Langzeitausdauer. Hierbei wird der aerobe Stoffwechsel trainiert und der Bewegungsapparat für folgende Belastungen vorbereitet. Laut Clayton sollte das Grundlagenausdauertraining bei jungen Pferden 3-12 Monate dauern. In dieser Zeit passen sich das Herzkreislaufsystem und der Stoffwechsel an die Belastung an (vgl. Clayton 1991, S. 103). Ab Mai 2020 folgt dann in Faibles Training auch die intensive Dauermethode, bei der die Verbesserung des aerob-anaeroben Stoffwechsels im Vordergrund steht.

Training mit der Intervallmethode

Für viele Disziplinen bietet sich das Training mit der Intervallmethode an. Diese ist gekennzeichnet durch einen regelmäßigen Wechsel von hoher Belastung und unvollständiger Erholung während der Arbeitsphase. Die Herzfrequenz kehrt hierbei nicht auf den Ausgangswert zurück. Man unterscheidet Kurzzeitintervalle (15 Sekunden bis zwei Minuten), Mittelzeitintervalle (zwei bis acht Minuten) und Langzeitintervalle (acht bis 15 Minuten).

Extensives Intervalltraining wird mit einer geringeren Intensität durchgeführt und findet im aeroben Stoffwechselbereich statt. Das intensive Intervalltraining umfasst höhere Intensitäten. Hier wird die Energie anaerob gewonnen. Voraussetzung für das Training mit der Intervallmethode ist eine gute Grundlagenausdauer. Für das Training mit der intensiven Intervallmethode bietet sich das Training auf der Galoppbahn an.

Sobald die Grundlagenausdauer (GA) gut trainiert ist, werde ich Faibles Training ab Februar ein- bis zweimal pro Woche durch die extensive Intervallmethode (ext. IM) ergänzen. Hierbei sind die Trainingsumfänge geringer, und das Training zeichnet sich durch einen Wechsel von Belastung und unvollständiger Pause aus.

Unser Programm

Das Ausdauertraining steigere ich langsam und reite überwiegend im Schritt und Trab. Um Abwechslung ins Training zu bringen, plane ich Reit-, und Walkingtage im Wechsel. An einem Tag pro Woche fördere ich Faibles Muskelaufbau bei der Dressurarbeit. Hinzu kommt eine gymnastizierende Trainingseinheit an der Doppellonge. Teilweise ergänze ich das Training durch Stangenarbeit. Je länger eine Trainingseinheit dauert, umso geringer wähle ich die Intensität. Um meine junge Stute nicht zu sehr zu belasten, gehe ich eine unserer Konditionseinheiten pro Woche mit ihr walken. Auch walke ich bei den längeren Ritten zwischendurch. Das entlastet ihre Muskeln im Rücken und ich halte mich auch fit. Psychisch ist Faible gut vorbereitet und zeigt sich bei allen Anforderungen im Gelände gelassen. Um einer physischen Überlastung vorzubeugen, werde ich Faibles Ruheherzfrequenz an jedem Trainingsmorgen messen und notieren. Weicht die gemessene Herzfrequenz 10-15 S/min vom üblichen Wert ab, trainiere ich sie nicht. Die Fütterung von Kraftfutter passe ich der Leistungssteigerung entsprechend an. Heu steht Faible rund um die Uhr zur freien Verfügung. An den trainingsfreien Tagen kann sie sich frei in ihrer Herde bewegen.

November Dezember Januar Februar März April
GA

100-140 S/min

GA

100-140 S/min

GA

100-140 S/min

GA/ext. IM

100-140 S/min

GA/ext. IM

100-140 S/min

GA/ext. IM

100-140 S/min

4 x/Woche

 

 

 

2x Reiten

1x Walking

1x Doppell.

 

20-60 min

4x/Woche

 

1 Woche frei

 

2x Reiten

2x Walking

1x Doppell.

 

30-60 min

5x/Woche

 

 

 

2x Reiten

2x Walking

1x Doppell.

 

30-80 min

5x/Woche

 

 

 

3x Reiten

1x Walking

1x Doppell.

 

30-90 min

5x/Woche

 

 

 

3x Reiten

1x Walking

1x Doppell.

 

30-100 min

5x/Woche

 

1 Woche frei

 

3x Reiten

1x Walking

1x Doppell.

 

30-120 min

Meine Erfahrungen nach der ersten Trainingswoche

Ich nutze den Polar-Equine-Gurt zur Bestimmung der Herzfrequenz. Per Bluetooth überträgt der Gurt die Herzfrequenz wahlweise auf mein Handy oder meine Pulsuhr. Durch das dicke Winterfell benötige ich viel Ultraschallgel, um ein Signal zu empfangen. Es ist gar nicht so leicht, die Herzfrequenz im Konditionstraining meiner jungen Stute auf 130 bis 140 Schläge pro Minute zu bringen. Bei einem Training nach Gefühl und ohne Herzfrequenzkontrolle, hätte ich sie vermutlich zu wenig belastet und der Erfolg wäre bis Mai ausgeblieben. Hilfreich empfinde ich Musik beim Reiten – und ein weiteres Pferd in der Bahn. Musik motiviert und gibt den Takt vor. Mit einem weiteren Pferd kann ich mich beim Tempomachen abwechseln und das Training macht mehr Spaß.

Ausblick

Die letzte Dezemberwoche wird Faible Trainingspause haben, so dass sie sich physisch und psychisch regenerieren kann. Ebenso werde ich in der letzten Woche vor dem Ausflug kein Konditionstraining durchführen. So können sich ihre Muskeln, Sehnen und Bänder vor der anstehenden Belastung regenerieren. Ich bin hoch motiviert, mein Pferdchen fit zu machen und bin in großer Vorfreude auf einen tollen Reiturlaub mit Faible!

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Sabine Angemeer ist Sportwissenschaftlerin und Pferdetrainerin. Seit Jahren arbeitet sie als freiberufliche Dozentin am IST-Studieninstitut und an der IST-Hochschule für Management. In der Nähe von Düsseldorf betreibt sie mit ihrer Familie einen Trainings- und Pensionsstall für Pferde: www.gut-scheidt.de.

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