Warum das lineare Fernsehen noch nicht tot ist

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TV-Zuschauer, Fernsehen
Lineares Fernsehen hat mit den vielen Streaming-Anbietern jede Menge Konkurrenz bekommen.

Netflix, Amazon, Sky & Co. gelten schon lange als ernst zu nehmende Konkurrenten für das klassische, lineare Fernsehen. Die Fernsehnutzung ist so gering wie lange nicht. Und schaut man sich Europa an, sind die Deutschen mit 19 Millionen Nutzern von Streaming-Plattformen weit vorne.

Durch den wachsenden Streaming-Markt legt sich die Frage, ob das lineare Fernsehen bald tot ist, wie eine große graue Wolke über die Fernsehwelt.

Zuschauer werden immer älter

 „In Zukunft schauen doch alle nur noch Video-on-Demand.“ „Im TV läuft doch eh nichts mehr.“ „Nur noch für alte Leute – lohnt sich die Rundfunkgebühr überhaupt noch?“ Keine seltenen Meinungen und Fragen in dieser Zeit. Laut dem diesjährigen Media-Innovation-Report von Next Media Hamburg sind 65 Prozent der 18- bis 29-Jährigen der Meinung, das lineare Fernsehen sei in zehn Jahren tot. 70 Prozent der 50- bis 65-Jährigen sehen das anders.

In der Tat ist die Zuschauerschaft der Sender älter geworden. Dies belegt auch die Statistik: ein Drittel des Fernsehpublikums ist 50 Jahre und älter. Das heißt aber keinesfalls, dass das klassische Fernsehen bei der jungen Zielgruppe abgeschrieben ist. Denn zwei Drittel der jüngeren Menschen sagen, dass auch sie noch linear schauen.

An diesen Fakten knüpft die aktuelle „Digital Natives Studie 2.0“ von Mediaplus an. Diese zeigt nämlich, dass die Binge-Watcher, die ausschließlich VoD konsumieren, eher die Ausnahme sind. Wie so oft im Leben, ist es auch hier die Mischung, nämlich aus linearem Fernsehen  und den Streaming-Angeboten. 29 Prozent der Befragten gehören somit zu den sogenannten „Bewegtbild-Heavy-Usern“, die sich auf kein bestimmtes Medium festlegen. Neun Prozent der Digital Natives konsumieren Bewegtbild sogar noch ausschließlich über lineares TV. Das heißt: Lineares Fernsehen ist noch nicht tot – auch nicht bei der Jugend.

Die Chancen der Fernsehtreibenden 

Was aber können TV-Sender tun, damit das klassische Fernsehen weiterhin attraktiv bleibt? Die Streaminganbieter glänzen mit ihrer großen Auswahl an Content. Netflix wirbt mit einem Angebot von Tausenden Filmen, Serien und Dokumentationen. Das reizvolle am Konzept: Streamen was ich will, wann ich will und wo ich es will. Aber was ist, wenn ich gerade einmal nicht weiß, was ich will? Dafür hat keiner der Anbieter einen Algorithmus oder eine andere smarte Funktion, irgendeine Entscheidung muss ich schon treffen. Manchmal darf es eben auch die sanfte Berieselung der klassischen Fernsehprogramme sein.

Das Fernsehen ist aber nicht nur noch Lückenfüller, wenn der Entscheidungswillefehlt. Denn eins wird das lineare Fernsehen auch zukünftig immer für sich haben: live. Vor allem im Sport behält das TV seinen Eventcharakter: Der Bundesligasamstag, das Champions-League-Finale, der Super Bowl. Das alles wird nur im live TV zum Erlebnis, wenngleich mit Sky und DAZN auch nicht-klassische Pay-TV-Anbieter längst mitmischen.

Diese TV-Happenings sind jedoch nicht lediglich dem Sport vorbehalten. Zahlreiche Sender-Mediatheken machen es zwar möglich, die verpasste Sendung einfach ein, zwei Tage später anzuschauen, dies birgt jedoch ein Risiko: Wer hat das „Dschungelcamp“ gestern verlassen müssen? Welche dicken Deals wurden in der aktuellen „Höhle der Löwen“ erzielt? Und wer versteckte sich bei „The Masked Singer“ unter dem Astronautenhelm? Solche Infos verbreiten sich innerhalb weniger Stunden über die sozialen Medien und führen zum unbeliebten Spoiler. Manche Programmhighlights bleiben also weiterhin ein fester Bestandteil der Wochenplanung.

Die beeindruckende Zuschauerzahl vom zuvor erwähnten Finale der ProSieben-Show „The Masked Singer“ unterstreicht diese These: 4,33 Millionen Zuschauer fieberten der Demaskierung von Engel, Monster, Astronaut & Co. entgegen. Und das an einem Donnerstagabend.

Streaming made in Germany

Die Zukunft des linearen Fernsehens beschäftigt alle Fernsehtreibenden. Im Rahmen des VoD & Streaming Specials auf den Medientagen München 2019 diskutierten Vertreter von

Joyn, Pantaflix, Sky, der deutschen Telekom und der RTL-Mediengruppe über „Streaming made in Germany“.

Auch sie haben erkannt, dass deutsche Fernsehpersönlichkeiten wie Günther Jauch, Heidi Klum und Markus Lanz sich immer mehr mit internationalen Serienstars wie Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“), Millie Bobbie Brown („Stranger Things“) und Kit Harrington („Game of Thrones“) messen müssen.

Ist das denn ein realistisches Ziel? „Check, check!“ sagt Katja Hoffman, Geschäftsführerin von Joyn. Was ursprünglich als Mediathek unter dem Namen 7TV startete, ist seit diesem Jahr als Joyn die VoD-Antwort der Sender-Gruppe. Hier sind neben den Inhalten der 50 TV-Sender auch exklusive Joyn-Originals im SVoD-Modell und ganz aktuell, seit November 2019, auch als Premium-Abo abrufbar. Mit der Joyn-Produktion bringt ProSieben einen seiner Publikumslieblinge aus dem Fernsehen, den Moderator Klaas Heufer-Umlauf, in den Streaming-Kosmos.

An der Verbindung von Streaming und TV versucht sich auch die Konkurrenz: 2018 verpasste die RTL-Mediengruppe ihrer Mediathek TVNOW einen neuen Anstrich. Neben den beliebten Sendungen wie Gute Zeiten – schlechte Zeiten, das Supertalent und Let’s Dance sollen nun auch sogenannte TVNOW-Originals ins Programm. Und hier konzentriert sich RTL auf das, was RTL wohl am besten kann: Guilty-Pleasure-TV. Flirt-Formate wie Temptation Island, Paradise Hotel und die erste schwule Version des Bachelors, „Prince Charming, sollen die Plattform ans Laufen bringen. Für 4,99 Euro und einen Werbespot je Inhalt kann bei RTL gestreamed werden. Damit will die Sendergruppe seine 16 Millionen Zuschauer zu TVNOW-Nutzern konvertieren, kündigte der RTL-Geschäftsführer Jan Wachtel an.

Ob diese Strategien ziehen und sich die deutschen Fernseh-Macher auch in der Video-on-Demand-Welt durchsetzen können – und wie es überhaupt mit dem deutschen Fernsehen weitergeht – bleibt abzuwarten. Fest steht: Ohne das lineare und Live-TV blieben uns viele großartige Fernsehmomente vorenthalten.

Jasmin Körber stellte während der ersten Semester Jura an der Universität zu Köln fest, dass es sie in die Medienwelt zieht. Seit 2017 ist sie Studentin an der IST-Hochschule für Management im Studiengang Kommunikation und Medienmanagement. Als ersten Schritt in die Branche setzt sie sich im Business Development für ein Düsseldorfer Außenwerbeunternehmen mit den aktuellen Digital- und Medientrends auseinander.

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