

Das Pferd als ehrlichster Coach
Anna Hübner - 09.07.2026
Manchmal wäre es mir lieber, mein Pferd würde mir einfach glauben. Zum Beispiel an den Tagen, an denen ich überzeugt davon bin, ganz ruhig und gelassen zu sein. Dann betrete ich den Stall oder den Reitplatz, nehme mir fest vor, heute eine entspannte Zeit mit meinem Pferd zu verbringen, atme noch einmal tief durch und denke: „Heute bin ich wirklich entspannt. “Mein Pferd schaut mich an und kommuniziert ganz klar: „Nein.“ Nicht mit Worten natürlich. Dafür mit seinem ganzen Verhalten. Mit dieser kleinen Spannung im Körper. Mit der fehlenden Aufmerksamkeit. Mit diesem subtilen „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, denke ich jedes Mal: Ja, du liegst richtig. Schon wieder erwischt.
Denn wenn ich hinschaue, geht es in diesen Momenten oft gar nicht um mein Pferd. Es geht viel mehr um mich. Um diese eine E-Mail, die schon so lange beantwortet werden will. Um diese Entscheidung, die ich seit Tagen vor mir herschiebe. Um den Druck, den ich mir selbst immer wieder mache. Um meine Gedanken, die noch überall sind – nur nicht bei meinem Pferd. Und genau das ist einer der Gründe, warum Pferde für mich die ehrlichsten Coaches der Welt sind.
Pferde glauben nicht, was wir sagen
Sie glauben, was wir zeigen. Wir Menschen sind Meister darin, uns Geschichten zu erzählen. „Ich bin ganz ruhig.“ „Das stresst mich überhaupt nicht.“ „Ich habe das voll im Griff.“ Und manchmal stimmt das sogar. Manchmal aber eben auch nicht. Pferde interessiert das herzlich wenig. Sie reagieren nicht auf unsere Absichten. Nicht auf unsere guten Vorsätze. Nicht auf die Version von uns, die wir gerne wären. Sie reagieren auf das, was tatsächlich da ist. Im Hier und Jetzt. Und genau deshalb können Begegnungen mit Pferden so unglaublich lehrreich sein. Weil sie uns immer wieder zurückbringen. Zu uns selbst.
Warum Pferde Dinge wahrnehmen, die wir selbst übersehen
Je länger ich mit Pferden arbeite, desto faszinierender finde ich eine Beobachtung: Pferde reagieren oft auf Dinge, die ihren Menschen selbst noch gar nicht bewusst sind. Nicht, weil sie Gedanken lesen können. Und auch nicht, weil sie über magische Fähigkeiten verfügen. Sondern weil sie Meister der Wahrnehmung sind. Unser Gehirn verarbeitet ständig Informationen aus unserer Umgebung – viele davon, ohne dass sie uns bewusst werden. Forschende gehen davon aus, dass wir fortlaufend Bewegungen, Emotionen und Handlungsabsichten anderer wahrnehmen und verarbeiten. Ein möglicher Baustein dafür sind die sogenannten Spiegelneuronen, die sowohl aktiv werden, wenn wir selbst handeln, als auch wenn wir andere beobachten. Ein großer Teil unserer Kommunikation findet daher jenseits von Worten statt. In unserer Körpersprache. In unserer Atmung. In unserer Muskelspannung. In unserer Aufmerksamkeit. Pferde sind als Fluchttiere darauf
spezialisiert, genau diese Signale wahrzunehmen. Ihr Überleben hing über Jahrtausende davon ab. Deshalb erlebe ich in meiner Arbeit immer wieder, dass ein Pferd auf eine innere Anspannung reagiert, die seinem Menschen selbst noch gar nicht bewusst ist. Und manchmal beginnt genau dort die spannendste Erkenntnis.
Die unangenehme Frage
Früher habe ich oft gefragt: „Warum macht mein Pferd das?“ Heute frage ich stattdessen:„Wie geht es mir gerade wirklich und was bringe ich gerade in diese Situation mit?“ Das ist nicht immer angenehm. Denn es ist deutlich einfacher, im Außen nach Erklärungen zu suchen. Das Pferd. Das Wetter. Die Umstände. Der vergangene Tag. Irgendetwas findet sich immer. Die spannendere Frage lautet jedoch:
Was passiert eigentlich gerade bei mir?
Der eigentliche Perspektivwechsel
Irgendwann habe ich aufgehört, nur verstehen zu wollen, wie Pferde funktionieren. Stattdessen begann ich mich zu fragen: Wie funktioniere eigentlich ich? Wie klar bin ich wirklich? Wie präsent bin ich gerade? Wie oft denke ich, ich sei ruhig, obwohl ich innerlich längst losrenne? Und genau dort wurde die Arbeit mit Pferden für mich weit mehr als Ausbildung. Sie wurde Persönlichkeitsentwicklung. Nicht die laute, bunte Version davon. Sondern die Stille. Die Ehrliche. Die, bei der man sich manchmal eingestehen muss: „Okay. Das lag jetzt ziemlich sicher nicht am Pferd.“
Was das mit Coaching zu tun hat
Die wirksamsten Coaches, denen ich begegnet bin, geben selten schnelle Antworten. Sie helfen Menschen dabei, Muster zu erkennen und Zusammenhänge zu verstehen. Verantwortung für das eigene Denken und Handeln zu übernehmen. Genau das geschieht auch in der Arbeit mit Pferden. Nur dass dort noch jemand mit im Raum ist, der nichts beschönigt. Kein Feedbackbogen. Keine Höflichkeit. Keine sozialen Spielchen. Nur ehrliche Reaktion.
Mein ehrlichster Coach
Mein Pferd coacht mich nicht, weil es das gelernt hat. Es coacht mich, weil es ehrlich ist. Es zeigt mir nicht, wer ich gerne wäre. Es zeigt mir oft sehr deutlich, wer ich gerade bin. Und auch wenn ich das nicht immer hören möchte: Genau dafür bin ich ihm dankbar.
Quellen
- Fabbri-Destro, M. & Rizzolatti, G. (2008). Mirror Neurons and Mirror Systems in Monkeys and Humans. Physiology, 23(3), 171–179.
- Rizzolatti, G. & Sinigaglia, C. (2010). The functional role of the parieto-frontal mirror circuit: interpretations and misinterpretations. Nature Reviews Neuroscience, 11, 264–274.




